Fundamentalisten raus aus der Jugendhilfe
Offener Brief
Offener Brief der linksjugend ['solid] Karlsruhe zu TOP 1 der Sitzung des Jugendhilfeausschusses am 7. Oktober 2026: „ICF Karlsruhe – Anerkennung als Träger der Jugendhilfe“
Karlsruhe, 06.10.2026
An
- Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup
- Bürgermeisterin Yvette Melchien, Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses
- die Fraktionen im Karlsruher Gemeinderat: Grüne, CDU, SPD, FDP/Freie Wähler, Die Linke, Volt, Die PARTEI, FÜR Karlsruhe und die Karlsruher Liste (KAL)
- die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Karlsruhe, Verena Meister
- die Sozial- und Jugendbehörde der Stadt Karlsruhe
- den Stadtjugendausschuss Karlsruhe e.V.
- die Mitglieder des Jugendhilfeausschusses aus den Wohlfahrtsverbänden: AWO, Caritasverband, Jüdischer Wohlfahrtsverband, Diakonisches Werk und Der Paritätische
- die weiteren Mitglieder des Jugendhilfeausschusses: Deutscher Kinderschutzbund, Arbeitsgemeinschaft Karlsruher Frauenorganisationen, Stadtamt Durlach, Heimstiftung Karlsruhe, Staatliches Schulamt, Gesamtelternbeirat der Karlsruher Kitas, Katholisches und Evangelisches Dekanat, Agentur für Arbeit, ver.di, Beirat für Menschen mit Behinderungen und Polizeipräsidium Karlsruhe
Zur Kenntnis an die Presse: BNN und ka-news, SWR, DASDING, Radio Regenbogen, die neue welle und Baden TV sowie die queeren Medien queer.de, Schwulissimo, MÄNNER und L-MAG.
Sehr geehrte Damen und Herren,
Morgen entscheiden Sie, wem Sie Karlsruher Jugendliche anvertrauen
Morgen soll der Jugendhilfeausschuss das International Christian Fellowship Karlsruhe e.V. (ICF) als Träger der freien Jugendhilfe anerkennen. Wir sagen klar: Das darf nicht passieren.
Es geht hier nicht um eine Formalie. Anerkannte Träger planen die Jugendhilfe dieser Stadt mit, schlagen Mitglieder für genau diesen Ausschuss vor und genießen ein besonderes Vertrauen der öffentlichen Hand. Wer diesen Status bekommt, behält ihn in der Regel dauerhaft.
Der Ring politischer Jugend hat Sie bereits aufgefordert, sorgfältig zu prüfen. Wir gehen weiter: Die Fakten liegen längst auf dem Tisch. Sie sprechen gegen eine Anerkennung. Und sie zeigen ein Problem, das größer ist als das ICF: Eine Stadt, die ihre Verantwortung für junge Menschen Stück für Stück an spendenfinanzierte Glaubensgemeinschaften abgibt.
Jugendarbeit als Missionsinstrument
Das ICF sagt selbst, wofür seine Kinder- und Jugendarbeit da ist. Laut Satzung im Vereinsregister ist der einzige Vereinszweck die Förderung der Religion. Kinder- und Jugendarbeit ist dort nur ein Mittel, um die biblische Botschaft zu verbreiten. In einem Gottesdienst am 23. August 2026 brachte es ein Prediger beim Spendenaufruf auf den Punkt: Man investiere nicht in einen Verein, sondern „in Gottes Königreich“.
Die Grundsätze der Obersten Landesjugendbehörden zu § 75 SGB VIII sind eindeutig: Vereinigungen, die überwiegend der Verbreitung einer Religion dienen, können nicht anerkannt werden. Die Verwaltung prüft stattdessen, ob das ICF ausschließlich missionarisch arbeitet. Das ist der falsche Maßstab. Die Satzung lag den Ausschussmitgliedern nach Recherchen von FundiWatch nicht einmal vor.
Dazu kommt die Haltung des ICF-Netzwerks zu queeren Menschen:
- Das ICF München schließt queere Menschen von Leitungsfunktionen aus, weil Homosexualität nicht dem biblischen Ideal entspreche.
- ICF-Gründer Leo Bigger fällt immer wieder mit queerfeindlichen und konversionsnahen Aussagen auf.
- Bei ICF Augsburg dokumentierte eine ARD-Recherche 2025 einen Versuch, Homosexualität durch Handauflegen auszutreiben.
- Das ICF Karlsruhe bewirbt Formate wie SOZO und Befreiungsgebete. SOZO wird von seiner internationalen Leitung auch zur „Befreiung“ von Homosexualität eingesetzt. Bei Minderjährigen dürfte das nach dem Konversionsbehandlungsschutzgesetz strafbar sein.
- Das Karlsruher Leitungsehepaar Beck stellte 2021 in einer Predigt im ICF München die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Ehen als Abkehr von Gottes Ordnung dar.
- Im Ehrenkodex für Mitarbeitende stand bis vor Kurzem, man wirke „sexueller Sünde“ aktiv entgegen.
Und wie hat die Stadt das geprüft? Sie hat sich auf die Angaben des ICF und dessen Website verlassen. Externe Fachstellen wurden nicht beteiligt. Konzepte zum Schutz queerer und trans* Jugendlicher hat sie nach eigener Auskunft keine angefordert. Dabei verpflichtet § 9 Nr. 3 SGB VIII ausdrücklich dazu, die Lebenslagen trans*, nichtbinärer und intergeschlechtlicher junger Menschen zu berücksichtigen.
Mitten im Verfahren hat das ICF Karlsruhe dann seine Website umgebaut. Die Selbstverpflichtung auf das Leitbild des ICF Zürich ist verschwunden, ebenso der Ehrenkodex. Neu ist ein allgemeiner Satz, alle seien unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung willkommen. Ob queere Menschen dort leiten dürfen, ob Homosexualität weiter als Sünde gilt, ob Konversionsangebote klar abgelehnt werden: Dazu kein Wort. Ein paar umformulierte Absätze kurz vor der Abstimmung sind keine Distanzierung. Sie sind Imagepflege.
Jugendhilfe ist kein Missionsfeld, sondern ein Recht
Wer auf Jugendhilfe angewiesen ist, kann sich seine Angebote meist nicht aussuchen. Jugendliche aus reichen Elternhäusern haben Sportverein, Musikschule und Ferienreisen. Jugendliche aus Arbeiter*innenfamilien, aus Familien mit wenig Geld, mit Fluchtgeschichte oder mit Gewalt zuhause haben oft nur das, was die öffentliche Hand bereitstellt. Gerade für sie muss Jugendhilfe ein sicherer, neutraler Ort sein.
Doch die öffentliche Jugendhilfe wird seit Jahren auf Kante genäht. Jugendtreffs kämpfen um Stellen, Sozialarbeiter*innen um Zeit, Projekte um Anschlussfinanzierung. In diese Lücke stoßen Organisationen wie das ICF: mit Spendengeld, Eventbudget und professionellem Marketing. „Weihnachten neu erleben“ wird von der Stadt als Highlight beworben und bringt dem ICF erhebliche Spenden. Das ist kein Zufall. So entsteht Einfluss, wo der Staat sich zurückzieht.
Das Ergebnis ist eine Zwei-Klassen-Jugendhilfe. Wer es sich leisten kann, wählt frei. Wer arm ist, landet dort, wo es ein kostenloses Camp, einen Snack und eine warme Halle gibt, und bekommt die Weltanschauung gleich mitgeliefert. Für queere und trans* Jugendliche, die zuhause ohnehin keinen Rückhalt haben, kann das gefährlich werden.
Jugendhilfe ist öffentliche Daseinsvorsorge. Sie muss demokratisch kontrolliert, ausreichend finanziert und frei von Missionsauftrag sein. Statt Verantwortung auszulagern, muss die Stadt selbst investieren: in Jugendzentren, Fachkräfte und Räume, die Jugendliche selbst gestalten.
Unsere Forderungen
- Lehnen Sie TOP 1 am 7. Oktober ab. Keine Anerkennung des ICF Karlsruhe als Träger der freien Jugendhilfe. Nicht vertagen, nicht unter Auflagen, sondern ablehnen.
- Legen Sie offen, worauf die Prüfung beruht. Allen Ausschussmitgliedern und der Öffentlichkeit vorzulegen sind: die Satzung aus dem Vereinsregister, der vollständige Antrag mit allen Anlagen, das Schutzkonzept von ICF Youth, der Prüfvermerk der Verwaltung zu jeder einzelnen Voraussetzung nach § 75 SGB VIII, die Zusicherungen des ICF aus dem nichtöffentlichen Gespräch vom 20. Juli sowie die Stellungnahme der Stadt gegenüber dem Regierungspräsidium.
- Machen Sie den Schutz queerer und trans* Jugendlicher zur Prüfpflicht. Bei jeder künftigen Anerkennung müssen verbindliche Konzepte, eine unabhängige Beschwerdestelle und eine klare Absage an Konversionsangebote vorliegen.
- Prüfen Sie richtig, statt dem ICF zu glauben. Die Verwaltung muss schriftlich und nachvollziehbar klären: ob die Kinder- und Jugendarbeit laut Satzung und Praxis überwiegend der Verbreitung der Religion dient (Maßstab „überwiegend“, nicht „ausschließlich“); ob das ICF Karlsruhe weiter an Leitbild und Leitung des ICF Zürich gebunden ist; ob queere Menschen dort Leitungsfunktionen übernehmen dürfen; ob in Kinder- und Jugendangeboten SOZO, Heilungs- oder Befreiungsgebete stattfinden; ob das Schutzkonzept für alle Angebote gilt, also auch für ICF Kids und Camps, und eine vom ICF unabhängige Beschwerdestelle vorsieht. Dafür braucht es Stellungnahmen externer Fachstellen, etwa von Weltanschauungsbeauftragten und queeren Beratungsstellen, nicht nur die Eigenangaben des Antragstellers.
- Investieren Sie in öffentliche Jugendarbeit. Mehr Geld für städtische Jugendzentren, mehr Stellen in der Sozialarbeit, mehr selbstverwaltete Räume für Jugendliche, statt Lücken durch Freikirchen füllen zu lassen.
- Lassen Sie Jugendliche mitentscheiden. Wer über Jugendhilfe entscheidet, muss die Betroffenen hören, besonders queere Jugendliche und ihre Organisationen.
- Beenden Sie die städtische Werbung für ICF-Events, solange sich das ICF nicht eindeutig von Queerfeindlichkeit und Konversionspraktiken distanziert.
Ihre Entscheidung, unsere Zukunft
Religionsfreiheit heißt, dass jede*r glauben darf, was sie oder er will. Sie heißt nicht, dass eine Freikirche mit öffentlichem Siegel an Jugendlichen missionieren darf, die keine andere Wahl haben.
Sie entscheiden morgen, ob Karlsruhe seine Jugendhilfe stärkt oder sie weiter aus der Hand gibt. Wir werden genau hinschauen, wie Sie abstimmen. Und wir werden laut bleiben, bis jede*r Jugendliche in dieser Stadt einen Ort hat, an dem sie oder er so sein darf, wie sie oder er ist.
Mit roten Grüßen,
die linksjugend ['solid] Karlsruhe.
Quellen
- FundiWatch: Jugendhilfe oder „Investition in Gottes Königreich“? (01.10.2026)
- § 75 SGB VIII und § 9 SGB VIII
- Grundsätze für die Anerkennung von Trägern nach § 75 SGB VIII
- Konversionsbehandlungsschutzgesetz
- Sitzungsvorlage Jugendhilfeausschuss 07.10.2026
- Offener Brief des Rings politischer Jugend Karlsruhe vom 05.10.2026
